Neue Wege in der Behandlung von Panik-Attacken
Georg R. kann schon seit Monaten seine Wohnung kaum verlassen. Selbst das
Einkaufen beim Supermarkt ist für ihn eine Qual. Sobald der 34-Jährige mit
mehreren Menschen in Kontakt kommt, beginnt sein Herz zu rasen und Schweißbäche
rinnen über Stirn und Rücken.
Verhaltenstherapie und speziellen Psychopharmaka
Herr R. leidet an einer Angststörung. Diese psychische Krankheit taucht in den
Industriestaaten immer häufiger auf. "Wir gehen davon aus, dass 15 Prozent der
Bevölkerung zumindest einmal in ihrem Leben eine Angststörung durchmachen", so
Univ.-Prof. Johannes Tauscher von der Psychiatrischen Uniklinik in Wien. Die
Erkrankung kann in verschiedenen Varianten auftreten: Sie reichen von diffusen
Ängsten, denen kein erkennbarer Auslöser zu Grunde liegt, bis hin zu
Panikattacken, die nur in bestimmten Situationen (z. B. Kontakt mit Menschen,
Aufenthalt in engen Räumen oder in großen Höhen) auftreten. Genetische Faktoren
und die mangelhafte Fähigkeit, mit Stress richtig umgehen zu können, spielen bei
der Entstehung eng zusammen. Die Krankheit kann mithilfe der Verhaltenstherapie
und speziellen Psychopharmaka (z. B. Antidepressiva) behandelt werden. Doch nur
etwa die Hälfte der Patienten findet den Weg zum Arzt. "Viele Betroffene glauben
immer noch, dass persönliches Versagen schuld an ihren Problemen ist", sagt
Tauscher.
Entdeckung
Der Wiener Psychiater arbeitet an einem Verfahren, mit dem in Zukunft
Angststörungen zielgenauer als bisher behandelt werden könnten. Er entdeckte
einen Zusammenhang zwischen der Krankheit und bestimmten Serotonin-Rezeptoren im
Gehirn. Rezeptoren findet man in Nervenzellen. Sie sind Andockstellen für
körpereigene Botenstoffe (wie eben etwa Serotonin), die verschiedene Mechanismen
im Gehirn steuern.
Störungen im Serotonin-Haushalt
Bereits bisher war bekannt, dass Störungen im Serotonin-Haushalt bei der
Entstehung von Depressionen eine Rolle spielen. Nun fand Tauscher heraus, dass
eine zu geringe Anzahl so genannter Serotonin-1-A-Rezeptoren die Anfälligkeit
für Angststörungen erhöht. Diese Entdeckung wurde durch den Einsatz moderner
Untersuchungsmethoden möglich.
PET-Verfahren und Verhaltenstherapie
Mit dem so genannten PET-Verfahren kann der Stoffwechsel im Gehirn und damit
auch die Wirkung von Medikamenten gleichsam online beobachtet werden. Daneben
bleibt aber die Verhaltenstherapie eine wichtige Säule in der Behandlung von
Angststörungen. Der Wiener Psychiater Horst Jörg Haupt: "Mit dieser Methode kann
etwa 70 bis 80 Prozent der Patienten geholfen werden."
(kurier online, 15. Januar 2002)