Depressionen sind heilbar, aber: Viele werden inadäquat behandelt


Den Unterschied zwischen "normaler" Traurigkeit und krankhafter Depression will ein Buch deutlich machen.


VON GERTA NIEBAUER


Jeder vierte Erwachsene leidet mindestens einmal im Leben an eine Depression. | (c) epa

 

Trübes Wetter, trübe Stimmung, dunkle Tage - viele Menschen leiden darunter. "Schlechtes Wetter, Ärger im Büro, Enttäuschungen - das alles kann Gefühle auslösen, die einer Depression ähnlich sind", erklären Internist MR Dr. Karl F. Maier und Psychologin DDr. Heide Stuflesser, die gemeinsam den Ratgeber "Balance für die Seele, Wege aus der Depression" verfasst haben. Sie versuchen, den Unterschied zwischen "normaler" Traurigkeit und krankhafter Depression deutlich zu machen und in Situationen seelischer Störung zu helfen.

Jeder vierte Erwachsene

Jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens Phasen der Traurigkeit durch, die nach einiger Zeit bewältigt werden. Die Depression hingegen ist eine Krankheit, die behandelt werden muß. Es besteht ein gestörtes Gleichgewicht der Überträgerstoffe für Nervenimpulse - vor allem Noradrenalin, Seratonin und Dopamin -, die Körperfunktionen über das Gehirn steuern. Jeder vierte Erwachsene leidet mindestens einmal im Leben an einer schweren Depression.

In einer Zeit, wo Selbstverwirklichung, gute Laune, "cool und fit" gefragt sind, werden depressive Gefühle oft unterdrückt. Darum sucht auch nur etwa die Hälfte der Menschen mit depressiven Symptomen einen Arzt auf. Und ein beträchtlicher Teil derer, die einen Mediziner konsultieren, werden inadäquat behandelt. "Besonders wichtig wäre es", so die Autoren, "die Frühform der Depression zu erkennen und die Möglichkeiten einer Behandlung zu nutzen".

Hat tausend Masken

Die Diagnose ist freilich nicht immer einfach, denn die Depression hat tausend Masken. Zur Basisuntersuchung gehören eine Erstellung der bisherigen Lebensgeschichte, der bestehenden Symptome und eine Überprüfung der wichtigsten Laborwerte. Die Autoren haben ein Grundschema zur Definition einer Depression aufgestellt: Schuldgefühle aus der Vergangenheit, Schwermut in der Gegenwart und Angst vor der Zukunft.

Zu den Symptomen zählt vor allem die "Losigkeit", wie lustlos, antriebslos, interesselos, hoffnungslos, schlaflos. In Form einer Check-Liste kann der Interessierte selbst herausfinden, ob eine Depression vorliegen könnte. Bei milden Formen gibt es Möglichkeiten der Selbsthilfe. Die Experten raten unter anderem zu einer Änderung des Lebensstils, zu mehr sozialen Kontakten, zum Stressabbau, zu Entspannungsphasen, Sport, zu regelmäßigen Mahlzeiten und wenig Alkohol.

Bei mittleren und schweren Depressionen sei fachärztliche Behandlung unbedingt erforderlich. Die Therapien (Medikamente, physikalische und Psychotherapie) werden im Buch ausführlich behandelt, die Autoren möchten damit den Schritt zu einer fachlichen Betreuung erleichtern, denn viele Betroffenen müssen erst eine gewisse Hemmschwelle überwinden.

Darüber hinaus können Depressionen aber auch die verschiedensten psychosomatischen Beschwerden auslösen, am häufigsten Kopfschmerzen, Herzklopfen, Reizdarm, Erschöpfungszustände, für die keine organische Ursachen gefunden werden können.

Verlorene Lebensjahre

Gemessen an den "verlorenen Lebensjahren" durch einen vorzeitigen Tod nimmt die Depression nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen den Platz zwei ein. Darum die eindringliche Botschaft der beiden Autoren: "Depressionen sind heilbar."

Die Presse online, 28. November 2001