AFFEKTIVE STÖRUNGEN
Affektive Störungen gehören zu jener Gruppe psychischer
Störungen, die am häufigsten in klinische Behandlung kommen. Neben
Veränderungen der Stimmungslage sind sie durch eine Vielzahl an
Beeinträchtigungen im emotionalen Erleben, im körperlichen Empfinden, im
Denken und im Verhalten gekennzeichnet und zeigen damit ein relativ komplexes
Erscheinungsbild. Bei einem Teil der Patienten kann die Stimmungslage zu
verschiedenen Zeiten sowohl in eine positive als auch in eine negative Richtung
(Manie versus Depression) schwanken. Diese zyklische Veränderung der
Stimmungslage wurde bereits von Kraepelin (1909) als zentrales Merkmal
angegeben. Von Klinikern wird andererseits als Hauptmerkmal der affektiven
Störungen eine Veränderung der vitalen Aktivität angegeben, die sich in
kognitiven, affektiven und physiologischen Funktionen zeigen kann. In den
heutigen Diagnoseschemata werden beide Beeinträchtigungen, jene der
Stimmungslage und jene der Vitalaktivität, gemeinsam als Kern der affektiven
Störungen betrachtet.
Symptome der Depression:
- Depressive Verstimmung: Sie zeigt sich in ihrer
leichtesten Form als Mangel an emotionaler Ansprechbarkeit durch äußere
Ereignisse. Es wird über emotionale Flachheit und Gefühlsmangel geklagt.
Die Verstimmung wird oft in Gegenwart guter Freunde, bei Arbeitsanspannung
"vergessen" und daher mitunter auch von Nahestehenden übersehen.
Mit zunehmender Schwere ist eine depressive Stimmungslage aber immer
vorhanden, wobei diese gelegentlich anders als normales Unglücklichsein
erlebt wird. Die Patienten fühlen sich wie in einer schwarzen Wolke
eingeschlossen und es kommt zu Weinattacken ohne bzw. bei geringfügigem
Anlass.
- Andere Affektveränderungen: Neben der
depressiven Verstimmung zeigen depressive Patienten noch andere
Veränderungen ihrer emotionalen Reaktionen:
Sehr oft kommt es zu einer erhöhten Ängstlichkeit. Die Patienten haben nun
vor Situationen Angst, die sie früher ohne Scheu und ohne erkennbare
Belastung aufsuchen konnten.
Manche depressiven Patienten sind auffallend reizbar und nachtragend, sie
hegen anderen gegenüber ein Gefühl der Feindseligkeit. Diese erhöhte
Aggressivität ist in den meisten Fällen dem Bewusstsein durchaus
zugänglich, wenn sie auch oft von den Patienten nicht direkt angesprochen
wird. Sie ist bei Männern offensichtlicher als bei Frauen, bei denen sich
die feindselige Stimmung in erster Linie auf den Partner bezieht.
Viele Patienten fühlen sich einsam und haben das Gefühl, dass niemand sie
wirklich versteht.
Oft kommen quälende Schuldgefühle hinzu, wo sich Patienten unsinnige
Vorwürfe machen und sich für alles Mögliche verantwortlich fühlen.
Patienten berichten oft, dass sie an nichts mehr Freude finden können.
- Beeinträchtigungen im Selbstwertgefühl:
Häufige Selbstkritik, eigene Herabsetzung und Selbsthass sind Ausdruck
eines beeinträchtigten Selbstwertgefühls. Dies äußert sich auch im
Verhalten der Patienten. Depressive Patienten wirken wenig selbstsicher und
sind nur schwer in der Lage, sich selbst bzw. ihre Interessen durchzusetzen.
- Beeinträchtigung der Motivation und des Verhaltens:
Depressive Patienten verlieren die Lust an Dingen, die ihnen früher Freude
gemacht haben. Sie sind antriebslos und apathisch. Zu dieser Unfähigkeit,
sich zu etwas aufzuraffen, kommt hinzu, dass sie an nichts mehr innerlich
Anteil nehmen können. Weiters fällt eine allgemeine Beeinträchtigung der
Spontaneität des Verhaltens auf, die sich meist in einer Verlangsamung
vieler Verhaltensabläufe (psychomotorische Retardierung) manifestiert.
Seltener sind depressive Patienten auch extrem unruhig und getrieben
(agitiert). Sie können dann kaum still sitzen, sondern wandern dauernd
umher oder haben das Bedürfnis, ständig etwas in ihren Händen zu bewegen.
- Beeinträchtigung des Denkens: Es existieren
kognitive Fehlorientierungen im Bereich der Einschätzung der eigenen
Person, der Welt und der Zukunft. In schweren Depressionen können die
inhaltlichen Verzerrungen bis zu Wahn bzw. wahnhaften Vorstellungen reichen.
Die Wahngedanken sind der depressiven Verstimmung inhaltlich angemessen. In
der neueren klinischen Literatur haben dabei vor allem die negativen
Selbst-Schemata und der negative Attributionsstil Beachtung gefunden.
Zudem sind auch die kognitiven Prozesse selbst durch die depressiven
Verstimmung beeinträchtigt. Das Denken ist verlangsamt, das Problemlösen
ineffizient.
- Körperliche Beeinträchtigungen: Körperliche
Beschwerden werden von depressiven Patienten äußerst häufig berichtet.
Neben der größeren subjektiven Beeinträchtigung sind bei vielen auch die
Körperfunktionen selbst (durch physiologische Messungen nachweisbar)
gestört. Dies gilt etwa für die Verdauung. Im Vordergrund steht meist
Appetitlosigkeit und Essensverweigerung aus verschiedenen Gründen.
Physiologisch kann es zu einer Hypotonie und einer Aktivitätsabnahme des
Magen - Darmtrakts mit Verstopfung kommen.
Der sexuelle Bereich ist ebenfalls häufig beeinträchtigt, und besonders
häufig werden Schlafstörungen berichtet.
Neben allgemeiner körperlicher Beeinträchtigung können mit depressiven
Verstimmungen auch umschriebene Beschwerden einhergehen (Kopfschmerzen,
Rückenschmerzen oder andere chronische Schmerzzustände). In manchen
Fällen tritt dabei die depressive Verstimmung in den Hintergrund und wird
von den Patienten nicht spontan berichtet (= maskierte Depression).
Symptome der Manie:
Nach DSM-IV wird eine manische Episode definiert als eine
abgegrenzte Episode einer abnormen und anhaltend gehobenen, expansiven oder
reizbaren Stimmung. Während dieser Zeit müssen mindestens drei der folgenden
Symptome bzw. vier, falls die Stimmung nur reizbar und nicht eindeutig gehoben
ist, dauernd und in geprägtem Maß vorhanden sein:
- gesteigertes Selbstwertgefühl oder Größenideen
- vermindertes Schlafbedürfnis (z.B. Bereits nach 3
Stunden Schlaf ausgeruht)
- redseliger als gewöhnlich oder Drang, dauernd
weiterzureden
- Ideenflucht oder die subjektive Erfahrung des
Gedankenjagens
- Ablenkbarkeit, die Aufmerksamkeit wird leicht von
unwichtigen oder irrelevanten Reizen angezogen
- Steigerung zielgerichteter Aktivität oder
psychomotorische Unruhe
- exzessive Beschäftigung mit angenehmen Aktivitäten,
die mit großer Wahrscheinlichkeit unangenehme Konsequenzen haben
Ähnlich wie bei der Depression handelt es sich bei der
Veränderung der Stimmungslage in der Manie nicht um eine bloße Veränderung
der Grundstimmung. Diese ist vielmehr von einer Veränderung des Verhaltens
sowie der kognitiven Funktionen begleitet und betrifft auch Vitalfunktionen. Im
kognitiven Bereich steht bei der Manie die überhöhte Selbsteinschätzung im
Vordergrund, die in leichteren Fällen noch einer Kritik zugänglich sein kann.
In schweren Fällen liegt ein übermäßiges Vertrauen in die eigenen
Fähigkeiten vor sowie eine Überschätzung der verfügbaren Informationen. Die
Veränderung der kognitiven Funktionen besteht in einer Beschleunigung der
Gedankengänge, die sich subjektiv im Gedankenjagen äußert und von außen in
einem beschleunigten Sprechen beobachtbar wird. Auch kann es zu einer
Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit und zu Schwierigkeiten, sich in
der Umgebung zurechtzufinden, kommen.
Wenn die Veränderung des Antriebs und der Stimmungslage
so ausgeprägt ist, dass daraus eine deutliche Einschränkung der beruflichen
Leistungsfähigkeit, sozialer Aktivitäten oder der Beziehungen zu anderen
erwächst, wird von einem manischen Syndrom gesprochen. Ist dies nicht der Fall,
sind aber trotzdem die oben angeführten Symptome vorhanden, spricht man von
einer hypomanischen Episode. Während in der Hypomanie die Veränderung der
Stimmungslage noch durchaus positiv erlebt wird, ist dies in der Manie zumeist
nicht mehr der Fall, im Vordergrund steht die starke Reizbarkeit und die
Labilität des Affekts.
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