AUSSCHNITT AUS ALDOUS HUXLEYS "BRAVE NEW WORLD"

Päppler blieb im Entkorkungszimmer zurück, als der BUND und die Studenten mit dem nächstgelegenen Aufzug ins fünfte Stockwerk fuhren. KLEINKINDERBEWAHRANSTALT. NEOPAWLOW`SCHE NORMUNGSSÄLE verkündete ein Schild an der Tür.

Der Direktor öffnete. Die Pflegerinnen standen stramm, als der BUND eintrat. "Stellen Sie die Bücher auf!", befahl er kurz. Schweigend gehorchten sie. Zwischen die Rosenschalen wurden Bücher gestellt, eine Reihe Kinderbücher, jedes einladend beim bunten Bild eines Vierfüßlers, Fisches oder Vogels aufgeschlagen.

"Nun bringen Sie die Kinder!" Die Pflegerinnen eilten hinaus und kehrten nach ein paar Minuten zurück; jede schob so etwas wie einen hohen stummen Diener vor sich her, dessen vier drahtvergitterte Fächer mit acht Monate alten Kindern beladen waren, alle einander genau gleich und alle, da sie der Deltakaste angehörten, in Khaki gekleidet.

"Setzen Sie sie auf den Boden!" Die Kinder wurden abgeladen. "Nun wenden Sie sie so, dass sie die Blumen und Bücher sehen können!"

Kaum war das geschehen, als die Kinder verstummten und auf die seidig schimmernden Farbklumpen, die bunt leuchtenden Bilder auf den weißen Buchseiten loszukrabbeln begannen. Die Sonne, einen Augenblick lang verdunkelt, kam hinter einer Wolke hervor. Die Rosen flammten auf, wie von jäh erwachter Leidenschaft durchglüht; neue, tiefere Bedeutsamkeit schien die leuchtenden Bildseiten zu erfüllen. Aus den Reihen der krabbelnden Kinder ertönten kleine aufgeregte Schreie, freudiges Lallen und Zwitschern.

Der Direktor rieb sich die Hände. "Großartig!", sagte er. "Fast wie auf Bestellung!" Die flinksten unter den Krabblern waren schon am Ziel. Zaghafte Händchen streckten sich aus, berührten, erfassten und entblätterten die vom Sonnenlicht verklärten Rosen, zerknitterten die bebilderten Buchseiten. Der Direktor wartete, bis alle seelenvergnügt beschäftigt waren. "Und nun passen Sie auf!", sagte er und gab mit erhobener Hand ein Zeichen. Die Oberpflegerin, die am anderen Ende des Saals vor einem Schaltbrett stand, drückte einen kleinen Hebel nieder. Ein heftiger Knall. Gellendes Sirenengeheul. Rasendes Schrillen von Alarmklingeln. Die Kinder erschraken und schrieen auf, die Gesichtchen von Entsetzen verzerrt.

"Und jetzt", brüllte der Direktor, denn der Lärm war ohrenbetäubend, "werden wir die Lektion mittels eines elektrischen Schlägelchens einbläuen." Er winkte abermals, die Oberpflegerin drückte einen zweiten Hebel nieder. Das Plärren der Kinder hörte sich plötzlich anders an. Verzweiflung, fast Wahnsinn klang aus diesen durchdringenden Schreikrämpfen. Ihre Körperchen wanden und steiften sich, ihre Glieder zuckten wie von unsichtbaren Drähten gezogen.

"Wir können durch diesen ganzen Streifen des Fußbodens elektrischen Strom schicken", brüllte der Direktor erklärend. "Aber jetzt genug!", deutete er der Pflegerin. Die Detonationen hörten auf, die Klingeln verstummten, das Sirenengeheul erstarb Ton für Ton. Die zuckenden Kinderleiber lösten sich aus ihrem Krampf, das irre Stöhnen und Schreien ebbte zu einem gewöhnlichen Angstgeplärr ab.

"Geben Sie ihnen nochmals die Blumen und Bücher!" Die Pflegerinnen gehorchten, aber bei der leisesten Annäherung der Rosen, beim bloßen Anblick der bunten Miezekatzen wichen die Kinder schaudernd zurück; ihr Geplärr schwoll sogleich wieder zu Entsetzensgeschrei an. "Beachten Sie das, meine Herren", sagte der Direktor triumphierend, "beachten Sie das wohl!" Bücher und Getöse, Blumen und elektrische Schläge - schon im kindlichen Geist waren diese Begriffspaare nun zwanghaft verknüpft und nach zweihundert Wiederholungen dieser oder ähnlicher Lektionen waren sie untrennbar. Was der Mensch zusammenfügt, das kann die Natur nicht scheiden. "So wachsen sie mit einem, wie die Psychologen zu sagen pflegten, instinktiven Hass gegen Bücher und Blumen auf. Wir normen ihnen unausrottbare Reflexe an. Ihr ganzes Leben lang sind sie gegen Druckerschwärze und Wiesengrün gefeit." Der Direktor wandte sich an die Pflegerin.

"Schaffen Sie sie hinaus!" Noch immer plärrend wurden die Kinder auf den stummen Dienern hinausgefahren. Ein Student hob zwei Finger: er sehe ja ein, dass es nicht gehe, Angehörige der untersten Kasten ihre der Allgemeinheit gehörende Zeit mit Büchern vergeuden zu lassen, ganz abgesehen von der Gefahr, dass sie etwas läsen, was unerwünschter Weise einen ihrer angenormten Reflexe abbiegen könnte, und doch ... nein, er verstehe das mit den Blumen nicht. Warum nehme man sich die Mühe, den Deltas die Freude an Blumen psychologisch unmöglich zu machen. Geduldig erklärte es der BUND. Dass man die Kinder beim bloßen Anblick einer Rose in Schreikrämpfe versetzte, entsprang einer höchst ökonomischen Voraussicht. Vor gar nicht langer Zeit hatte man ihnen die Liebe zu Blumen angenormt, um ihnen den Hang, bei jeder sich bietenden Gelegenheit ins Grüne zu pilgern, einzuimpfen und sie so zu Benützern der Verkehrsmittel zu machen.

"Und benützten sie sie?", fragte der Student. "Jawohl, ausgiebig", erwiderte der BUND. "Aber sonst nichts." Primeln und Landschaft hätten einen großen Fehler: sie seien gratis. Liebe zur Natur halte keine Fabrik beschäftigt. Man hatte daher beschlossen, die Liebe zur Natur abzuschaffen, nicht aber den Hang, die Verkehrsmittel zu benützen. Denn es war natürlich unerlässlich, dass sie auch weiterhin ins Grüne fuhren, selbst wenn es ihnen zum Hals herauswuchs. Das Problem lag darin, einen triftigeren, wirtschaftlichen Grund zur Benützung der Verkehrsmittel zu finden als bloßes Wohlgefallen an Primeln und Landschaft. "Wir normen den Massen den Hass gegen landschaftliche Schönheiten an", schloss der Direktor, "doch zugleich auch die Liebe zum Freiluftsport. Dabei achten wir darauf, dass jeder Sport den Gebrauch besonderer und komplizierter Geräte nötig mache. Sie benützen also nicht nur die Verkehrsmittel, sondern verbrauchen auch Fabrikate."