TYPOLOGIEN

Schon HIPPOKRATES schlug im 5. Jahrhundert v. Chr. eine Typologie vor: Er verfasste eine Lehre von den inneren Säften im menschlichen Körper: Er sah die gelbe Galle (cholos), die schwarze Galle (melas cholos), das Blut (sanguis) und den Schleim (phlegma) als die vier Hauptsäfte. Daraus wurden die vier Temperamente abgeleitet:

  • Choleriker (gelbe Galle): reizbar, leicht erregbar, hitzig
  • Melancholiker (schwarze Galle): nimmt alles schwer, findet überall Grund zur Besorgnis, bezieht Unangenehmes auf sich
  • Sanguiniker (Blut): sorglos, hoffnungsfroh, lebt im Augenblick, denkt nicht an die Zukunft
  • Phlegmatiker (Schleim): in negativer Hinsicht: Hang zur Untätigkeit, Neigungen konzentrieren sich nur auf Sättigung und Schlaf; in positiver Hinsicht: bedächtig, beständig, verträglich, überlegt.

Eine weitere der wenigen Typologien, die überlebt haben, ist die Konstitutionstypologie von KRETSCHMER (1921): Sie geht von beobachtbaren Kriterien des Körperbaus und entsprechenden psychiatrischen Krankheitsbildern aus. Kretschmer differenziert drei Körperbautypen, den leptosomen, den pyknischen und den athletischen Typ. Morphologische Eigenschaften (Größe, Gewicht, ...) werden als direkte Ursachen für charakterliche Dispositionen bewertet:

Körperbautyp Körperliche Merkmale Wesensart

leptosom


schlank, schmale Schultern, dünne Glieder, längliches Gesicht, kantiges Profil, schwache Muskeln, gesteigertes Längenwachstum, schizothym
überempfindlich, ungesellig, kühl, nach innen gerichtet (introvertiert), an äußeren Freuden des Lebens wenig interessiert, Denkschärfe, neigt zu Verdrängungen und Komplexen
pyknisch

mittelgroß, gedrungene Figur, Fettansatz am Bauch, weiches, breites Gesicht zyklothym
gutmütig, gesellig, vorwiegend gefühlsbestimmt, nach außen gerichtet (extravertiert), optimistisch, neigt kaum zu Verdrängungen
athletisch

stark entwickelter Knochenbau, kräftige Muskeln, breite Schultern, mittelgroß bis groß viskös
bedächtig, geistig nicht besonders wendig, ausdauernd (bei handfesten Arbeiten), zuverlässig

Kretschmer stellte einen Zusammenhang zwischen Körperbautypen und der Anfälligkeit für psychische Krankheiten her: Der Leptosome tendiere zur Schizophrenie, der Pykniker zu manisch-depressiven, der athletische zu epileptischen Störungen.

Kretschmers Behauptungen wurden in Kontrolluntersuchungen zum Teil bestätigt. Der Amerikaner SHELDON (1942) wollte eigentlich Kretschmer widerlegen, kam aber in einer groß angelegten empirischen Untersuchung zu ähnlichen Ergebnissen: Er fand drei Haupttypen, die in etwa den drei Körperbautypen von Kretschmer entsprechen:

  • endomorpher Konstitutionstyp: dick, weich, rund
  • mesomorpher Konstitutionstyp: muskulös, rechteckig, stark
  • ektomorpher Konstitutionstyp: dünn, lang, zerbrechlich

Endomorphe sah Sheldon als entspannte Menschen, die gerne essen, gesellig sind und auf ihren Bauch hören.
Mesomorphe sind körperlich fit, voller Energie, mutig und selbstsicher.
Ektomorphe sind eher kopflastig, künstlerisch und introvertiert - Menschen, die mehr über das Leben nachdenken, als dass sie es ausschöpfen oder gestalten.