AUFBAU, ERZÄHLSTRATEGIE UND ZEITSTRUKTUR

Die Erzählhaltung unterteilt die Erzählung in zwei Abschnitte: Die erste Hälfte der Erzählung, die Briefe und die erste Zwischenrede des Erzählers, wird bestimmt durch die Ich - Form; die drei Sprecher, die in der Ich - Form auftreten, sind Nathanael, Clara und der Erzähler. Das Geschehen wird aus der Unmittelbarkeit des Beteiligten dargestellt bzw. kommentiert (personales Erzählverhalten).
Die zweite Hälfte wird von einem Er - Erzähler dargestellt, der das Geschehen scheinbar allwissend kommentiert (auktoriales Erzählverhalten). Allerdings äußert sich der Erzähler nicht zu der Frage, ob Coppelius mit Coppola wirklich identisch ist bzw. ob der Sandmann nur der krankhaften Einbildung Nathanaels entspricht. Hin und wieder verschmilzt der Erzähler mit Nathanael, d. h. die personale Erzählsituation tritt auf.  Vor der Schlussszene ergreift der Ich - Erzähler noch einmal das Wort zu einem gesellschaftskritischen Exkurs.

Dieser Wechsel zwischen personalem und auktorialem Erzählen lässt den Leser zwischen emotionalem Hineingezogenwerden ins fiktive Geschehen und einer rational-distanzierten Aufnahme schwanken. Somit bleibt die Geschichte doppeldeutig: Als rationalisierbares Geschehen ist sie eine Darstellung einer psychischen Erkrankung; durch die emotionale Einfühlung des Lesers liest sie sich als das Eingreifen äußerer, irrationaler Mächte in das Leben eines sensiblen Künstlers.

Die erzählte Zeit umfasst einen Zeitraum von ungefähr fünfzehn Jahren (= zeitraffendes Erzählen: Erzählzeit ist geringer als erzählte Zeit). Besonders stark gerafft wird im ersten Brief Nathanaels, in dem er seine Kindheitserinnerungen in einer Rückblende zusammenfasst. Die geschilderten Auftritte Coppelius werden zwar nahezu zeitdeckend erzählt, die zwischen diesen Szenen liegenden Zeiträume werden aber ausgespart (= Zeitsprung).
Der Erzählerbericht fasst ungefähr ein dreiviertel Jahr zusammen, d. h. dass auch hier teilweise gerafft wird. So geben z. B. Ohnmachts- oder Wahnsinnsanfälle dem Erzähler die Gelegenheit, längere Zeiträume zu übergehen. Zeitdeckendes Erzählen findet sich in den herausgehobenen Krisenszenen.
Raffung und darauf folgendes zeitdeckendes Erzählen bewirken eine thematische Akzentuierung.