SCHIZOPHRENIE

Die Schizophrenie existiert eigentlich nicht: Die Krankheit hat so viele unterschiedlichen Gesichter, dass einige Fachleute sie lieber mit dem Begriff "Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis" beschrieben wissen wollen. Auch verläuft sie individuell sehr unterschiedlich. Manche Menschen erleben nur ein einziges Mal in ihrem Leben eine schizophrene Episode, meist aber kommt es zu wiederholten Krankheitsperioden. Rein statistisch erkrankt einer von 100 Menschen mindestens einmal im Leben an einer Schizophrenie, meist im Alter zwischen 15 und 40 Jahren. Damit tritt die Schizophrenie ähnlich häufig auf wie Diabetes (Zuckerkrankheit).

Das Wort "Schizophrenie" kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "Spaltung des Geistes". Gemeint ist jedoch nicht, wie häufig fälschlicherweise angenommen, die Spaltung in zwei Persönlichkeiten (siehe: multiple Persönlichkeiten), sondern die Spaltung von Denken und Fühlen, von Kopf und Bauch.

Die Schizophrenie wird zu den psychotischen Störungen gezählt, bei der sich die persönliche, soziale und berufliche Rollenerfüllung derart verschlechtert, dass sie in ein Chaos aus verzerrten Wahrnehmungen, gestörten Denkprozessen, abweichenden emotionalen Zuständen und motorischen Auffälligkeiten zerfällt. Im Gegensatz zu den Persönlichkeitsstörungen besteht in der akuten Psychose ein Verlust des Bezugs zur Realität.

Die betroffenen Personen haben massive Schwierigkeiten auf Umweltreize entsprechend zu reagieren und diese zu verarbeiten. Sie leiden unter verschiedenen Ausprägungen von Denkstörungen und Störungen der Affektivität, die zu einer Einschränkung der Kommunikations- und Leistungsfähigkeit führen. In der Folge ist es den betroffenen Personen nicht mehr möglich, sich den Alltagssituationen anzupassen. Sie sind nicht mehr in der Lage, ihre sozialen Rollen zu erfüllen und ziehen sich in ihre eigene Welt zurück (soziale Isolierung).

Wie bereits erwähnt variieren sowohl die Symptome in der akuten Phase der Erkrankung, als auch die Ursache, die Prognose und der Verlauf der Störung von Patient zu Patient relativ stark.

Die Symptome können aufgrund ihres Erscheinungsbildes in drei Kategorien eingeteilt werden:

  • Die positiven Symptome stellen ein Übermaß an normalen Funktionen dar.
    Wahnvorstellungen zählen zu den häufigsten Symptomen, die von Betroffenen beschrieben werden. Diese sind Störungen des Denkinhalts, die sich auf bestimmte Ideen und Vorstellungen beziehen, von denen die betroffenen Personen zutiefst überzeugt sind. Die Wahnideen können unterschiedlichen Inhalts sein und bestimmen das Verhalten der Personen. Häufig werden der Beziehungswahn, der Verfolgungswahn und der Größenwahn genannt.
    Formale Denkstörungen äußern sich in einem desorganisierten Denken und Sprechen. Menschen, die davon betroffen sind, weisen eine gelockerte Assoziation und Zerfahrenheit im Denken auf, wodurch sie häufig ihr Denkziel nicht erreichen. Sie bilden Neologismen (Wortneuschöpfungen) und tendieren zu Perseverationen (Wiederholungen) und Alliterationen (Reimbildung).
    Wahrnehmungsstörungen treten bei schizophrenen Patienten in Form von Halluzinationen auf, die sämtliche Sinnesmodalitäten betreffen können. Am häufigsten werden akustische Halluzinationen beschrieben. Die Betroffenen nehmen fremde oder vertraute Stimmen wahr, die auf die Patienten meist eine bedrohliche Wirkung haben. Sie können sowohl in dialogischer als auch in kommentierender Form vorkommen.
    Einige schizophrene Patienten zeigen auch einen inadäquaten Affekt, der nicht der momentanen Situation entspricht. Dabei kommt es zu inadäquatem Lachen und Grimassieren, so wie zu unvorhersehbaren Stimmungsumschwüngen.
  • Die negativen Symptome bestehen in einer Verminderung oder dem Verlust normaler Funktionen.
    Die Spracharmut zeigt sich in einer reduzierten Produktivität und Flüssigkeit der Sprache. Die Betroffenen beschreiben in diesem Zusammenhang das Gefühl, als würden ihnen ihre Gedanken plötzlich nicht mehr zugänglich sein (Gedankensperrungen) oder entzogen werden. Andere Patienten zeigen eine Inhaltsarmut. Die Sprache ist zerfahren und gleicht oft einem sinnlosen Wortsalat.
    Die meisten schizophrenen Patienten leiden unter einem verflachten Affekt. Der Gesichtsausdruck der Betroffenen ist dementsprechend starr, die Stimme monoton und die Kontaktaufnahme zu anderen Personen deutlich vermindert, was sich durch einen kaum bis gar nicht vorhandenen Blickkontakt zeigt.
    Die Willensschwäche der Betroffenen äußert sich in der Unfähigkeit, zielgerichtete Aktivitäten zu beginnen und durchzuhalten. Sie beschreiben eine Energie- und Interesselosigkeit an verschiedenen Tätigkeiten und haben oft Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen.
    Aufgrund der Vielzahl an Beeinträchtigungen entwickeln die betroffenen Personen eine gestörte Beziehung zur Außenwelt. Sie ziehen sich emotional von ihrer Umwelt zurück und leben nur noch in ihrer eigenen Realität.
  • Die psychomotorischen Symptome äußern sich in einem Verlust der Bewegungsspontaneität und der Entwicklung bizarrer Manierismen in Mimik und Gestik. Sie werden zusammen als Katatonie bezeichnet.

Die beschriebenen psychopathologischen Symptome zeigen, dass die Schizophrenie eine heterogene Störung ist und verschiedene Patienten an unterschiedlichen Symptomen leiden können. Im DSM-IV werden insgesamt fünf Kategorien angeführt, die sich am Verhalten der unterschiedlichen Typen orientieren:

  • paranoider Typus
  • desorganisierter Typus
  • katatoner Typus
  • undifferenzierter Typus
  • residualer Typus

Der Verlauf der Schizophrenie ist von Person zu Person sehr unterschiedlich. Der Beginn manifestiert sich meist zwischen dem 2. und dem 4. Lebensjahrzehnt, wobei die Störung bei Männern im Durchschnitt früher einsetzt als bei Frauen. Es können drei Phasen der Erkrankung beschrieben werden: die Prodromalphase, die floride Phase und die Residualphase.

In der Prodromalphase kommt es zum allmählichen Absinken der allgemeinen Leistungsfähigkeit und zum Interesseverlust. Die Betroffenen ziehen sich sozial zurück und vernachlässigen sich selbst. Sie zeigen einen zunehmend unangemessenen Affekt und haben Schwierigkeiten hinsichtlich ihrer Konzentrationsfähigkeit.
In der floriden Phase stehen vor allem die positiven Symptome der Schizophrenie im Vordergrund. Diese sprechen auf die Behandlung mit Psychopharmaka besonders gut an und klingen deshalb relativ rasch wieder ab.
In der Residualphase bleiben dann negative Symptome zurück, die zu einer ständigen Beeinträchtigung der betroffenen Personen führen. Das prämorbide Leistungsniveau kann sehr häufig nicht wieder erreicht werden und die Personen sind nicht mehr in der Lage, ihre früheren sozialen Rollen zu erfüllen.

Die biologischen Ursachen für die Entstehung einer Schizophrenie sind bislang nicht eindeutig bekannt, aber aufgrund der Erfolge moderner Neuroleptika sind einige Rückschlüsse möglich. Da alle wirksamen Neuroleptika die Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin blockieren, wird unter anderem vermutet, dass die Überfunktion von Dopamin beim Zustandekommen einer Schizophrenie beteiligt sein könnte. Diese Überfunktion bewirkt möglicherweise einen Zusammenbruch der Filterfunktion im Gehirn, sodass die Betroffenen unter einer dauernden Reizüberflutung und gestörten Informationsverarbeitung leiden. Doch auch eine Störung anderer Hirnbotenstoffe oder ein "Hardwarefehler" im Gehirn werden diskutiert.

Die Empfänglichkeit (Vulnerabilität) für Schizophrenie - nicht jedoch die Krankheit selbst - wird vererbt. Bei Kindern schizophrener Eltern ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie erkranken, statistisch erhöht. Ebenso wurde beobachtet, dass Schizophrenie häufig in Zeiten erhöhten Stresses, besonders in schweren Lebenskrisen auftritt. Aus diesem Grund geht man heute von einem "Vulnerabilitäts-Stress-Modell" aus: Danach ist die angeborene oder erworbene Disposition die Grundlage für die später durch Stress ausgelöste Krankheit.