LERNEN

Als Lernen kann man die Tendenz zur Änderung des Verhaltens, die im emotionalen, sozialen und kognitiven Bereich auftritt und durch Beobachtung, Übung oder Einsicht zustande kommt, bezeichnen. Lernen ist nicht direkt zu beobachten, es muss aus den Veränderungen des beobachtbaren Verhaltens erschlossen werden.

Lerntheorien sind nicht Beschreibungen des Lernprozesses selbst (der sich für die Psychologie in einer "black box" abspielt), sondern vielmehr Erklärungsmodelle (hypothetische Konstrukte) für einen beobachteten, überzufälligen Zusammenhang zwischen bestimmten Lernbedingungen (input) und Lernergebnissen (output).

Die wichtigsten Lerntheorien (hierarchisch geordnet nach der Komplexität des von ihnen behandelten Lernmaterials) sind:

Die klassische Konditionierung:

Der Begriff der Konditionierung ist seit den weltberühmt gewordenen Experimenten des russischen Physiologen I. P. Pawlow zum so genannten "bedingten Reflex" in die Psychologie eingeführt worden und bildet die wesentliche Grundlage der meisten Lerntheorien.

Pawlow zeigte in seinen Experimenten Hunden Futter, worauf sie (natürlicherweise) mit verstärktem Speichelfluss (einem biologischen Reflex - unbedingten Reflex) reagierten.
Wurde nun den Hunden gleichzeitig mit dem Futter ein Glockenton geboten (ein neutraler Stimulus - bedingter Reiz, der nicht von selbst eine biologische Reaktion auslöst), so zeigte sich nach mehrmaligen Versuchen,
dass die Hunde schon beim Ertönen der Glocke allein - ohne dass ihnen das Futter gezeigt wurde - den biologischen Reflex des Speichelflusses produzierten. Sie hatten sich daran gewöhnt, dass das Ertönen der Glocke bedeutete: Das Futter ist da!

Der ursprünglich neutrale Reiz (Glockenton) wurde durch die Koppelung an den biologischen Reiz (Futter) zu einem so genannten bedingten oder konditionierten Reiz. Diesen Vorgang nennt man Konditionierung: Es wird kein neues Verhalten gelernt, sondern auf künstliche (neutrale) Reize mit angeborenem Verhalten reagiert.

Das Schema einer klassischen Konditionierung lautet also:

Wurde der konditionierte Reiz längere Zeit hindurch allein, ohne biologischen Reiz, dargeboten, so erlosch auch der konditionierte Reflex (Löschung oder Extinktion oder Dekonditionierung).

Eine Reizgeneralisation liegt vor, wenn ein ähnlicher Reiz ebenfalls die bedingte Reaktion auslöst.

Klassisch konditionieren kann man alle Reaktionen, die nicht dem Willen unterliegen; besondere Bedeutung hat die klassische Konditionierung in der Verhaltenstherapie, bei der Behandlung psychosomatischer Krankheiten.

Eine gute Einführung mit Simulation finden Sie unter folgender Adresse: http://www.uni-essen.de/~gvo001/lehrangebot/kondiweb/index.htm 

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Lernen am Erfolg (Instrumentelle und operante Konditionierung)

Hier werden auftretende Verhaltensweisen durch Erfolg (angenehme Konsequenz) gelernt bzw. Misserfolg (unangenehme Konsequenz) verlernt.

Instrumentelle Konditionierung:

Thorndike geht von dem Prinzip von Versuch und Irrtum aus. Durch zunächst wahlloses Probieren findet man früher oder später heraus, was einen Erfolg herbeiführt - und nur das wird gelernt. Instrumentelle Konditionierung beruht auf Bedürfnisreduktion, gelernt wird, was die Bedürfnisspannung (z. B. Hunger) reduziert. Das Durchprobieren von Verhaltensweisen ist dabei Mittel, "Instrument" der Verringerung oder Beseitigung der Triebspannung und führt zur Verfestigung des Gelernten.

Operante Konditionierung:

Auch Skinner beschäftigte sich mit jenen Verhaltensweisen, die durch die ihnen folgenden Konsequenzen gesteuert sind. Er bezeichnet das Verhalten, das auf diese Art entsteht, als operantes Verhalten. Es handelt sich um zufällig auftretendes Verhalten, das durch Rückwirkung der Umwelt verstärkt wird, sodass sich die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung dieser Reaktion erhöht. Eine Bedürfnisreduktion ist bei dieser Art des Lernens nicht Voraussetzung.

Die von der Umgebung ausgehenden Stimuli kann man hinsichtlich ihrer Effekte einteilen in

  • positive Verstärker

  • Bestrafung

  • negative Verstärker

Wie geht nun das Lernen im einzelnen vor sich? Skinner hat dazu einen speziellen Experimentierkäfig (Skinner-Box) konstruiert, mit dem er die Verstärkung gezielt und genau im richtigen Moment verabreichen konnte. Wenn eine Taube gerade zufällig das machte, was sie lernen sollte, musste sie eine Futterpille erhalten.

Der "Trick" liegt in der Aufspaltung eines komplizierten Handlungsablaufs in seine Komponenten; jeder kleinste Lernschritt in die gewünschte Richtung ist sofort zu verstärken, dann wird man auch die verwickeltsten Verhaltensfolgen aufbauen.

Übrigens hat schon der englische Schriftsteller und Zeitkritiker Aldous Huxley in seinem 1932 erschienen utopischen Roman "Brave New World" beschrieben, wie sich die Erziehung von Kleinkindern in einer gar nicht so fernen Gesellschaft abspielen könnte. Einen Textausschnitt können Sie hier lesen.

Eine gute Einführung mit Simulation finden Sie unter folgender Adresse: http://www.regiosurf.net/supplement/lernen/lernnh.htm

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Lernen durch Beobachtung (soziales Lernen)

Ein Großteil unseres Lernens wird durch die Beobachtung von Personen angeeignet, und zwar durch deren Imitation. Dieses "soziale Lernen" findet überall dort statt, wo eine andere Person als Vorbild auftritt. Vor allem jene Personen wirken als Modellpersonen, deren Verhalten günstige Konsequenzen hervorbringt.

Das soziale Lernen spielt eine wesentliche Rolle bei der Sozialisation, durch die ein Kind lernt, sein Verhalten und seine Einstellungen dem allgemeinen Wertsystem seiner Kultur anzupassen.

Der Erwerb komplexer Verhaltensmuster im Rahmen des sozialen Lernens ist nur durch die Wirkung kognitiver Fähigkeiten und Prozesse möglich. Das, was in der Umwelt beobachtet und beobachtend gelernt wird, wird nicht mechanisch übernommen, sondern muss erkannt, gedeutet, verglichen und integriert werden. Die kognitiven Fähigkeiten erlauben es dem Lernenden, sich verschiedene Folgen seiner Handlungsweise vorzustellen und Problemlösungsmöglichkeiten zu überdenken.

Das Erfassen der Beziehung zwischen einer Handlung und deren Folgen, die "Wenn - dann" - Beziehungen, welche sowohl durch passives Erleben (Beobachtung) als auch durch aktive Teilnahme gelernt wird, bezeichnet man in der Psychologie als symbolisches Lernen: Vorstellungen, Gedanken, Wörter können als symbolische Repräsentanten der Wirklichkeit bezeichnet werden. Auf dem Weg des symbolischen Lernens werden beispielsweise allgemeine Regeln für sozial angemessenes Verhalten erlernt.

Beim sozialen Lernen ist es gleichgültig, ob die Modelle nun "echt" und körperlich anwesend sind oder "symbolisch" durch Bücher, Filme oder Fernsehen vermittelt auftreten.

Die Nachahmung eines Modells hängt u. a. von folgenden Faktoren ab:

  • sozialer Status des Modells,

  • Alter, Geschlecht in Bezug zur Ähnlichkeit mit dem Beobachter,

  • Folgen des Modellverhaltens,

  • Wert, den das Modellverhalten für das Erreichen der eigenen Ziele besitzt,

  • Kompetenz, die dem Modell zugebilligt wird,

  • persönliche Beziehung zum Modell.

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Verbales Lernen:

Gerade die sprachliche Komponente ist für das Lernen des Menschen wesensbestimmend; sie führt über die bisherig genannten Lernmodelle hinaus.

Im Wesentlichen wird verbales Lernen vom assoziativen Lernen her als Paar-Assoziationslernen, d.h. als Kettenbildung zwischen Reiz- und Reaktionswörtern, betrachtet. Dabei können sich Bewusstseinsinhalte verbinden durch:

  • Assoziationsprozesse (gemeinsame Reproduktion bereits vorher mit einander aufgetretener Inhalte) und

  • Organisationsprozesse (Steuerung der Reproduktion durch Bildung von Sinnkomplexen, Grundstruktur des Lernens aus Einsicht).

Verbales Lernen im Sinne von rein assoziativem Lernen tritt vor allem im schulischen Bereich als wortgetreues Einprägen und Auswendiglernen auf.

Die Untersuchungen zum rein assoziativen Lernen wurden anhand von "sinnlosen Silben" (wie rak, fem, toz usw.) gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Ebbinghaus durchgeführt. Mit Hilfe dieser sinnlosen Silben hat er verschiedene Gesetzmäßigkeiten ermittelt, die beim rein assoziativen Lernen von sprachlichem Material, also ohne Zuhilfenahme irgendwelcher Sinnzusammenhänge, auftreten.

Mechanisches Lernen läuft zum Beispiel nach folgenden Gesetzmäßigkeiten ab:

  • Der Lernaufwand steigt nicht proportional zum Umfang des Lernstoffs (linear), sondern progressiv. Daher ist geballtes, massiertes Lernen in großen Einheiten unökonomisch; besser ist es den Stoff zu verteilen.

  • Der Lernerfolg steigt nicht proportional zum Lernaufwand an, sondern verläuft in Phasen größeren, geringeren und gänzlich ausbleibenden Lernfortschritts. Daraus folgt, dass Anlaufschwierigkeiten in der Vorbereitungsphase unvermeidlich sind. Beim Einsetzen einer Ermüdung sollte man besser eine längere Pause einlegen, da auf einem "Lernplateau" jedes sofortige Weiterarbeiten sinnlos ist.

  • Je sinnhaltiger der Lernstoff ist, umso geringer ist der Lernaufwand. Daher sollte man an Bekanntes anknüpfen, Sinnzusammenhänge suchen, notfalls "Eselsbrücken" als Memoriertechnik verwenden.

  • Anschauliches Material wird leichter behalten. Daher sollte man Skizzen anfertigen, Bilder, Medien verwenden.

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Lernen durch Einsicht:

Herstellen von Sinnbezügen, gedankliches Durchspielen von Bedingungen und möglichen Ergebnissen, Finden von originellen Lösungen, Denken und kreatives Problembewältigen können als Lernprozesse aufgefasst werden, sofern sie längerfristige Verhaltensänderungen bewirken.

Verlaufsmodell des Lernens durch Einsicht

  • Phase des Problembewusstseins: Erschütterung einer Selbstverständlichkeit, Erlebnis der Fragwürdigkeit einer bisher für richtig gehaltenen Verfahrensweise

  • Phase des Suchens: Bewältigungsstrategie: freies, spielerisches Kombinieren, Probieren

  • Phase des Durchbruchs: Durch Einfall Bildung einer neuen geistigen Konfiguration, eines Beziehungsgefüges

  • Phase der Ergebnissicherung: Festlegung, Verankerung und Weiterführung der neuen Einsicht durch Sprache, Anwendung und Überprüfung am Beispielsfall; Übertragung möglich

Der bedeutendste Unterschied zu den Konditionierungstheorien und zum rein assoziativen Lernkonzept liegt wohl in der Rolle des Lernenden. Er reagiert nicht nur, sondern agiert und organisiert selbsttätig (wenn auch nicht immer bewusst und willentlich).

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