DISSOZIATIVE IDENTITÄTSSTÖRUNG (MULTIPLE PERSÖNLICHKEIT)
Bei einer dissoziativen Identitätsstörung (früher: multiple
Persönlichkeit) "wohnen" scheinbar verschiedene Persönlichkeiten in einem Kopf.
Für die Vielzahl der Persönlichkeiten in einem Menschen ist ein psychischer
Prozess verantwortlich, der als
Dissoziation
bezeichnet wird. Menschen mit einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung
unterscheiden sich von Menschen ohne dissoziativer Persönlichkeitsstörung nicht
dadurch, dass die einen zur Dissoziation neigen, die anderen aber nicht.
Dissoziative Prozesse kennzeichnen die Bewusstseinsprozesse aller Menschen.
Im Falle einer dissoziativen Identitätsstörung verselbständigen sich die
Bewusstseinsströme. Jeder Bewusstseinsstrom formt sich zu einer eigenen
Persönlichkeit aus, mit eigenen Interessen und Fähigkeiten, mi einer eigenen
Einstellung zum Leben; Alter, Schriftarten, Kleidung, Sprachstil usw. passen
sich an die Person an und differenzieren sich von den restlichen "alters". Keine
dieser Persönlichkeiten ist in der Lage, die Spaltung wieder aufzuheben. Die
betroffene Person ist in ihrem alltäglichen Leben eingeschränkt oder hat einen
"Leidensdruck" aufgrund spezifischer Symptome, z.B. (Alltags-) Amnesien, selbst-
und fremdschädigendes Verhalten, etc.). Die Übergänge zwischen einer
dissoziativen Störung mit kompletter Bewusstheit für die anderen "alters" bis
hin zur multiplen Persönlichkeit , wo ein "alter" (die "Innenperson" eines
multiplen Systems) nichts vom anderen weiß und auch Amnesien auftreten, sind
fließend.
Das DSM-IV definiert die dissoziative Identitätsstörung durch folgende
Merkmale:
- Die Anwesenheit von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder
Persönlichkeitszuständen (jeweils mit eigenen, relativ überdauernden Muster
der Wahrnehmung von, der Beziehung zur und dem Denken über die Umgebung und
das Selbst).
- Mindestens zwei dieser Identitäten oder Persönlichkeitszustände übernehmen
wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Person.
- Eine Unfähigkeit sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern,
die zu umfassend ist, um durch gewöhnliche Vergesslichkeit erklärt zu werden.
- Die Störung geht nicht auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz
(z.B.: Blackouts oder ungeordnetes Verhalten während einer Alkoholintoxination)
oder eines medizinischen Krankheitsfaktors zurück. Bei Kindern sind die
Symptome nicht durch imaginierte Spielkameraden oder andere Phantasiespiele zu
erklären.
Ursachen:
Als Ursache einer dissoziativen Identitätsstörung werden tiefgreifende, zum
Teil traumatische Erlebnisse und Erfahrungen angesehen, als Hauptursache gilt
Kindesmisshandlung.
Ist für ein Kind der ihm zugefügte Schmerz existentiell bedrohlich und kann es
ihm auch physisch nicht entkommen, besteht für ein hoch dissoziationsfähiges
Kind die Möglichkeit, das Geschehen mit Hilfe des zur Verfügung stehenden frühen
Abwehrmechanismus Dissoziation "unschädlich" zu machen. Dabei blendet es in der
Traumatisierung selbst seinen normalen Bewusstseinszustand völlig aus, spaltet
also einen Teil der Persönlichkeit ab. Dieses abgespaltene Fragment bewahrt das
traumatische Erinnerungsmaterial, das durch "trigger" (mit der ursprünglichen
Situation verbundene Auslöser) stets aufs Neue ins Bewusstsein geschwemmt werden
("flashbacks"). Bei fortgesetzter langjähriger Traumatisierung können sich
eigenständige "Personen" ("alters") entwickeln kann. Ein "alter" tritt anstelle
der Kernpersönlichkeit nach "außen" und erlebt jene Situation vor dieser, die
nach "innen" gedrängt geschützt ist, so dass diese meist keine Erinnerung der
Situation abrufen kann.
Da der dissoziative Vorgang der Abspaltung eine emotionale Erleichterung
verschafft, wird er, wie jede andere erlernte erfolgreiche Strategie, in
verschiedenen Stresssituationen häufiger und zunehmend einfacher angewandt.
Dabei steht der Zeitpunkt der ersten Spaltung im engen Zusammenhang mit dem
Beginn der Traumatisierung, danach entstehende Identitäten können nicht nur "Traumaanteile"
tragen, sondern auch dem "unauffälligen Weiterfunktionieren" dienen, z.B. als
innere Selbsthilfe-, Beobachter- oder Beschützer-Anteile.
Aufgrund der Dissoziation entstehen Erinnerungslücken für die dissoziierende
Person ("host"; jene Person, deren Name im Pass steht). So treffen sie Menschen,
die sie grüßen, die sie aber nicht kennen, finden Aufzeichnungen mit "fremder"
Handschrift in ihren Papieren, etc. Im schlimmsten Fall bekämpfen und verletzen
einander die "alters".
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