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FREUDS PSYCHOANALYSE

Die Tiefenpsychologie geht von unbewussten seelischen Vorgängen aus, die in der "Tiefe" des Menschen ruhen und das menschliche Handeln motivieren. Sigmund Freud zufolge sind dies ererbte, biologisch festgelegte Triebe. Bereits in früher Kindheit entstehende Konflikte, die im Bestreben nach Erfüllung von Triebwünschen einerseits und Verboten der Gesellschaft andererseits begründet sind, bestimmen die spätere Persönlichkeit.

Freuds Persönlichkeitsmodell

Mit seinem topischen Modell versucht Freud zu veranschaulichen, zwischen welchen Teilen des psychischen Apparates Energien umgesetzt werden. Nach Freud sind dies drei Systeme: Unbewusst, Vorbewusst und Bewusst. Das Bewusste umfasst Reize der unmittelbaren Wahrnehmung und momentan erlebte Gedankenabläufe, also manifeste Bewusstseinsinhalte, die jederzeit abrufbar sind; diese Inhalte sind aufgrund von Erfahrungen evident.  Zum Vorbewussten gehört alles das, was zwar nicht ad hoc bewusst ist, aber ohne besondere Anstrengung ins Bewusstsein treten kann, also bewusstseinsfähig ist. Auch einmal gewusste und zurzeit vergessene Inhalte rechnen wir zum Vorbewussten. Diese Inhalte sind zwar dem Bewusstsein entschwunden, jedoch bei einsprechender Wiederholung und Übung aktualisierbar. Die psychischen Inhalte des Unbewussten sind nicht direkt transparent, sondern nur über die Auswirkungen der Bewusstseinsvorgänge erschließbar. Zu unterscheiden sind: Inhalte, die nie bewusst werden und Inhalte, die verdrängt werden. Die Psychoanalyse nimmt an, dass die aus dem Bewusstsein verdrängten Gefühle bzw. Wünsche die Ursache vieler psychischer Reaktionen - und zwar normaler Reaktionen (Fehlleistungen, Träume) als auch psychischer Störungen (Neurosen) - sein können. 

Ab 1920 hat Freud die Systeme Bewusst, Vorbewusst und Unbewusst durch die Instanzen  Es, Ich und Über-Ich ergänzt bzw. modifiziert. Das Es ist die ontogenetisch älteste der psychischen Instanzen. Es repräsentiert die Triebseite der Persönlichkeit, ist unbewusst und strebt nach einer unmittelbaren und vollständigen Abfuhr der Triebenergie (= Lustprinzip). Diese unbewusst ablaufende, ohne die Einschaltung des Denkens und des Ichs gelungene Abfuhr der Triebenergie nennt Freud "Primärvorgang". Im Sinne des Realitätsprinzips, unter Beachtung von Bedingungen und Anforderungen der Außenwelt, versucht das Ich mit Hilfe des Denkens und anderer Funktionen und Fähigkeiten die noch freie, d.h. durch den Primärvorgang nicht in die Lust umgewandelte Triebenergie umzuwandeln und abzuführen. Diesen Prozess nennt Freud den "Sekundärvorgang". Das Ich muss mit seinen Fähigkeiten und Funktionen zwischen Es (Triebansprüche, Wünsche, Luststreben) und Über-Ich vermitteln, Kompromisse finden oder für realitätsgerechte Triebabfuhr sorgen. Notfalls muss das Ich Abwehrmechanismen einsetzen. Das Über-Ich besteht aus verinnerlichten Normen und Werten und hat die Funktion des "Richters" und "Wächters" übernommen. Es lässt sich aufgliedern in das "Moral-Ich" (= in etwa Gewissen) und das "Ideal-Ich" (= in etwa die Erwartungen an das Selbst, Idealvorstellungen, Anspruchsniveau an das eigene Handeln). Das Über-Ich lässt sich dem Bewussten, Vorbewussten und Unbewussten zuordnen.

Freuds Theorie der Triebe

Für Freud besteht das Wesen des Menschen in Triebregungen, die auf die Befriedigung von Bedürfnissen zielen. Er postuliert zwei Grundtriebe, und zwar den Eros (Lebenstrieb; dessen Energie nennt er "Libido") und den Destruktions- oder Aggressionstrieb (Todestrieb). Das Mit- und Gegeneinander dieser beiden Grundtriebe ergibt nach Freud die ganze Buntheit der Lebenserscheinungen.

Freud hat seine Auffassung, dass aus Störungen der Entwicklung der Sexualität einerseits Neurosen andererseits Perversionen erwachsen, Sexualtheorie genannt. Die Darstellung der Libidoentwicklung im Verlauf der kindlichen Entwicklung ist daher eine wesentliche Grundlage der psychoanalytischen Theorie, die zum Verständnis der daraus abgeleiteten psychoanalytischen Behandlungsmethode unentbehrlich ist. Freud hat betont, dass es keine asexuelle, "unschuldige" Kindheit gibt, sondern dass Kinder schon von Geburt an sexuell getönte Lustempfindungen verspüren. Die Entwicklung der Libido, d.h. der sexuellen Energie, wurde von Freud in mehrere Phasen aufgeteilt, die charakteristische Quellen der sexuellen Erregung und Lust aufweisen (Objektbesetzung) und bei Nichtbefriedigung zur Fixierung verschiedener Störungen führen können.

Stufe Alter erogene Zone Potentielle Konfliktquelle Merkmale Erwachsener, die auf dieser Stufe fixiert worden sind
oral 0-2 Mund, Lippen, Zunge Entwöhnung Orales Verhalten, wie etwa Rauchen und übermäßiges Essen; Passivität und Leichtgläubigkeit;
anal 2-3 Anus Sauberkeitserziehung Ordentlichkeit, Geiz, Hartnäckigkeit, Tyrannei oder das Gegenteil;
phallisch 4-5 Genitalien Ödipuskomplex Eitelkeit, Leichtsinn und das Gegenteil
Latenz 6-12 kein besonderer Bereich Entwicklung der Abwehrmechanismen Keine: Auf dieser Stufe tritt normalerweise keine Fixierung auf.
genital 13-18 Genitalien Reife sexuelle Intimität Erwachsene, die die vorhergehenden Stufen erfolgreich in ihr Leben integriert haben, sollten jetzt ein ernsthaftes Interesse an anderen und eine reife Sexualität entwickeln.
 

Aufgrund einer gestörten Entwicklung kann es zu verschiedenen Haltungen kommen:

  • schizoide Haltung: durch orale Fixierung (Störung in den ersten beiden Lebensjahren): Verschlossenheit und Misstrauen anderen gegenüber
  • depressive Haltung: durch orale Fixierung (Störung in den ersten beiden Lebensjahren): Passivität, Abhängigkeit von anderen; Antriebsminderung, Niedergeschlagenheit; unfähig, für sich selbst etwas zu fordern oder sich durchzusetzen
  • zwanghafte Haltung: durch anale Fixierung (Störung zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr): starkes Bedürfnis nach Ordnung, Sauberkeit und Kontrolle bis hin zu Geiz und Pedanterie; tief sitzende Angst vor Kontrollverlust und Hingabe
  • hysterische Haltung: durch phallische Fixierung (Störung etwa im 4. Lebensjahr): leistungsorientierte und konkurrierende Haltung; erhöhtes Geltungsbedürfnis, hohe Labilität; Angst vor Bindungen und vor dem Festgelegtsein

siehe auch Freuds Neurosenlehre

Im Laufe der psychosexuellen Entwicklung bilden sich verschiedenste Konfliktmöglichkeiten heraus. Diese Triebkonflikte sind jeweils mit Angstgefühlen verbunden, wobei Freud vier primäre Ängste (Grundängste) unterscheidet. Viele Ängste der Erwachsenen lassen sich laut Freud auf diese Grundängste zurückführen. Zu den vier primären Ängsten gehören:

  • die Trennungsangst: die Angst des Kindes vor der Trennung von der Mutter
  • die Angst vor Liebesverlust, welche durch die Konfliktmöglichkeiten beim Ausprobieren des eigenen Willens in der analen Phase entsteht.
  • die Kastrationsangst (phallische Phase), die im übertragenen Sinn als Angst vor der "Beschneidung" der eigenen Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten aufgefasst werden kann.
  • die Über-Ich-Angst, die durch Konflikte zwischen Es und Über-Ich entsteht und von starken Schuldgefühlen begleitet ist.

Gegen alles, was Angst hervorrufen kann, schützt sich das Ich durch Abwehrmechanismen.

Details zu Freuds Lehre finden Sie auch auf folgenden Seiten:

Freudsche Psychoanalyse

Sigmund Freud Museum

Entwicklungen der Psychoanalyse nach Freud:

Alfred Adler

C. G. Jung

Erik Erikson

Erich Fromm

Viktor E. Frankl